Seit 26 Jahren berät er als Arbeitsinspektor Betriebe in Fragen des Arbeitsschutzes: Sicherheitsvertrauenspersonen (SVP) und Sicherheitsfachkräfte (SFK) haben für Bernhard Widmayer dabei zentrale Schlüsselfunktionen inne.

 

Entwickelt man als Arbeitsinspektor einen anderen Blick auf betriebliche Risiken?

Natürlich. Wenn ich in einem Betrieb auf eine Gefahrenquelle hinweise, kann die für manche abstrakt erscheinen. Ich habe aber den Schwerstverletzten vor Augen, bei dem kurz zuvor in einem anderen Betrieb genau diese Falle zugeschnappt hat.

 

Müssen Sie Arbeitsschutz in den Betrieben durchsetzen – oder können Sie ihn mit den Betrieben gestalten?

Weit überwiegend letzteres. Meine Kollegen und ich sehen uns als Berater. Wir bieten rechtliche Expertise und branchenübergreifende Erfahrung an, die den Betrieben – und der Gesellschaft – auf Dauer beträchtlichen Schaden erspart.

 

Welchen Schaden?

Abgesehen von der moralischen und ethischen Verpflichtung eines Arbeitgebers – die Folgekosten eines akuten Arbeitsunfalls wachsen schnell ins Enorme: privatrechtlich, verwaltungsrechtlich, strafrechtlich. Dazu der Verlust einer wertvollen Arbeitskraft und die Verunsicherung im Team. Dramatische Arbeitsunfälle sind aber nur die Spitze des Eisberges. Darunter liegen schleichende und dauerhafte Schädigungen wie Rückenprobleme bei falscher Ergonomie oder Lungen- und Hautschäden bei leichtfertigem Umgang mit Gefahrenstoffen.

 

Worauf kommt es an, damit die Sicherheitskultur im Betrieb Schaden verhindert?

Allem voran „Awareness“: Die aktive Einbindung von Vorarbeitern, Polieren, Abteilungsleitern gemeinsam mit SFK und SVP bei der Evaluierung von Gefahren und Belastungen sowie bei der regelmäßigen Unterweisung der Mitarbeiter. Dazu gründliche Beratung, die effiziente Maßnahmen hervorbringt, dokumentiert im Sicherheits- und Gesundheitsschutzdokument. Und nicht zuletzt: konsequentes Monitoring danach. Denn Sicherheitskonzepte müssen im Fluss bleiben, weil auch das Betriebsgeschehen immer im Fluss ist.

 

 

Die „Epic Fails“ in der Arbeitssicherheit

„Das mach’ ma noch ganz schnell!“

Die meisten Arbeitsunfälle passieren an Freitag Nachmittagen und kurz vor Dienstschluss. Wer Dinge extra schnell erledigen will, während die Gedanken schon zu Hause sind, kommt mitunter gar nicht nach Hause.

 

„Die da oben mit ihrem Arbeitsschutz…“

Aus dem Führungszirkel kommen ganze Listen zur Arbeitssicherheit. In der Belegschaft hätten jene, die die Arbeit täglich machen, besser umsetzbare Ideen. Aber die fragt und hört keiner.

 

„Da ist noch nie was passiert!“

Eine Grundregel, die ihre Gültigkeit leider immer aufs Neue beweist: Was passieren kann und nicht verhindert wird, wird passieren.

 

„Das können sie sich eh denken!“

Kollegen außerhalb der Stammbelegschaft – etwa Leiharbeiter – sind oft von der informellen Kommunikation abgeschnitten. Sicherheitsrelevante Informationen gehen mitunter an ihnen vorbei.

 

„Nehma halt das andere Werkzeug!“

Der vorgeschriebene Seitengabelstapler für eine Aufgabe steht gerade am anderen Ende der Halle. Vielleicht geht’s ja auch mit dem Frontstapler. Machmal leider nicht …